Gastbeitrag von der 42k Gewinnerin Ina Reichelt

 

Am Vortag des Wörthersee-Ultra-Trail Halbmarathons machten mein Freund Simon und ich uns mit Martin und Bettina vom IRONTEAM EFERDING auf nach Kärnten, um erstmalig bei einem Halbmarathon mit Pflichtausrüstung und knapp 900 Höhenmetern zu starten.

Auch wenn wir die Strecke nur vom Hörensagen kannten – Rennleiter und COMPRESSPORT-Vertreter Manfred Rainer hatte mich bereits vorgewarnt dass der Teilabschnitt, über den auch der Halbmarathon führen würde, eher der technisch-herausfordernde Part der ganzen Partie sein würde – , waren wir bereits sehr gespannt und voller Vorfreude.

Als Grünschnabel, wie wir Triathleten zugegebenermaßen alle irgendwie mehr oder weniger sind bzw. waren, schreckte mich freitagfrüh Bettinas Nachricht mit dem Hinweis auf die Pflichtausrüstung doch noch einmal etwas aus meiner üblichen Pack-Lethargie: Trail-Rucksack, 1 Liter Trinkblase o.Ä., Notfallpfeife, Rettungsdecke und Erste-Hilfe-Set zusätzlich zum geladenen Handy! Einerseits kam uns die Sorge um unser Wohl angesichts des angekündigten traumhaften Herbstwetters mit angenehmen Temperaturen und Sonnenschein zwar etwas übertrieben vor, andererseits ging es mir zumindest so dass ich eher beruhigt war, bei diesem Experiment mal grundsätzlich lieber etwas zu viel als zu wenig Ausrüstung mit dabei zu haben.

Mit dem gemütlichen Busshuttle-Service machten wir uns nach einem entspannten Morgen auf den Weg vom Marktplatz Pörtschach zur Universität Klagenfurt, von wo es um 11 Uhr los gehen sollte.

Im Kopf hatte ich mir zur Erinnerung zwar drei Hauptsteigungen eingeprägt – allerdings verschwamm diese vermeintlich hilfreiche Vorstellung bereits nach dem ersten langen Anstieg, der die Trail-Runner rauf zum Falkenberg auf ca. 650 Hm führte.

Nachdem ich mich reaktionstechnisch mit meiner doch zu dunklen Sonnenbrille erst einmal sehr schwer getan hatte mit dem wüsten Wurzelwald zu meinen Füßen, fand ich langsam meinen Rhythmus bergauf – auch wenn sich die Atmung nach etwa 1,5 km in der Ebene und einem lockeren 4:50er-Schnitt auf dem ersten Kilometer zum Warmwerden doch irgendwie etwas krass anfühlte. Simon hatte ich durch meine nicht vorhandene Leichtfüßigkeit am ersten Anstieg bereits aus dem Blickfeld verloren, dennoch versuchte ich mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Schließlich hatte ich meinen „fixen Platz“ im Feld scheinbar gefunden – bis zum ersten Downhill!

Da entfuhr mir wohl zum ersten Mal an diesem Tage ein ähnlich verwunderter Ausruf wie zuletzt vor ziemlich genau einem Jahr bei einer letzten wirklich allerletzten  Achterbahnfahrt meines Lebens: „WUAAAAHHHH!!!“ In – zumindest gefühlt bester Matrix-Manier folgte nun ein Sprint hinab durch einen sehr engstehenden Waldbestand. Links – rechts – links – voll in der Konzentrationsphase versumpft, um nicht im nächsten Moment an einem der Bäume kleben zu bleiben registrierte ich dennoch dass mich trotz meines ersten Geschwindigkeitsrausches des Tages irgendwie drei bis vier Läufer überholen wollten. Was tun?! Kein Platz zum Ausweichen! Aber da ich die Burschen ja unmöglich aufhalten wollte in ihrem Flow, sprang ich schließlich in einem todesmutigen Moment mit einem Hechtsprung zur Seite, zog den Schädel unter einem tiefhängenden Ast hastig zwischen den Schultern ein, umarmte einen sich vor mir aufbauenden Baum, um nicht aus der Bahn geworfen zu werden, und rief: „Überholt`s mich bitte ALLE!!!“, – bevor die Herren mit einem freundlichen „Danke!“ an mir vorbei schossen.

Nun endgültig im Endorphin-Rausch angelangt, erreichte ich den nächsten Streckenposten nach dieser ersten Bergab-Passage gackernd vor Lachen – ob vor Erleichterung zumindest diesen Teil des heutigen Vorhabens unbeschadet überstanden zu haben, oder vor Begeisterung oder aber einfach schlicht aus Amüsement über meine eigene Tollpatschigkeit, kann ich ehrlich gesagt nicht mehr eindeutig beantworten. Auf jeden Fall war von diesem Moment an das Eis gebrochen, und ich hatte vor allem eines – einfach einen unglaublichen Spaß! 😀

Die abwechslungsreiche Strecke wartete mit Passagen auf, die man sich als Trail-Rookie scheinbar nur in der Fantasie zusammen träumen kann, mit Ausblicken über die sonnenbeschienene Kärntner Hügellandschaft hinweg bis hinüber zum Pyramidenkogel oder auf die Karawanken am Horizont…

Ich war so versunken und glücklich in diesen scheinbar vollkommenen bergauf-bergab Laufzustand, dass ich Simon fast übersehen hätte, der irgendwo auf einem einmal wieder halbwegs übersichtlichen Stückchen Weg zwischen Kilometer 10 und 11 vor mir auftauchte.

Da wir seit letzter Woche gesundheitlich eigentlich beide etwas angeknockt waren, lautete unser Masterplan: Lauf genießen und dann schauen was sonst noch möglich ist.

Doch dann hörte ich zum ersten Mal einen Streckenposten mit Handy in der Hand ausrufen: „Gratuliere – du bist die Erste!“

„Unmöglich!“, dachte ich mir, der Mann täuscht sich! Das sagte ich ihm auch – aber er schien sich aus irgendwelchen Gründen einfach nur ziemlich gut darüber zu amüsieren. Egal, weiter gelaufen, zu Simon aufgeschlossen. Dann diesmal eine Dame: „So stark! Gratulation!“ So langsam kam ich dann doch ins Grübeln. Konnte es denn wirklich sein, ich mit meinem unzuverlässigen Sprunggelenk und meinem linkischen Laufstil bergab? Konnte es denn tatsächlich sein, dass ich meinen ersten, richtig „g`scheitn“ Trail-Halbmarathon gewinnen sollte? Lieber weiter konzentriert bleiben und nicht zu viel herum träumen!

Aber die Leute, Kuhglocke-schwenkend oder mit dem Handy bestens informiert – waren der Oberhammer und hielten mich alle an diesem Tag bei der Stange. Schließlich im Bannwald angelangt – dem letzten Stück hinauf bevor nach einem zwei- Kilometer-langen Downhill der letzte großartige Aussichtspunkt mit der Gloriette warten sollte – hörte Simon auch den Ausruf eines Streckenpostens: „Wahnsinn!! Du hast einen riesen Vorsprung auf die Zweite!“

Als kleine Motivationsstütze traf ich auf den letzten Kilometern dann auch noch auf meinen Physiotherapeuten und Sport-Doc Ronald Ecker aus Marchtrenk, der an diesem Tag bereits die doppelte Strecke beim Marathon gelaufen war – echt beeindruckend in diesem Terrain! Und nachdem auf dem letzten Gefälle meine verschreckten „WUUUUUUAAAAAH“ und „HUUUUUUUIII!“-Ausrufe verklungen waren, plattelte ich noch einmal mit – zumindest gefühlt Vollgas auf das zum greifen nahe Ziel zu, direkt einem Streckenposten in die Arme. Er wies auf eine „kleine“ Rampe hinauf in die Botanik: „Also: Den einen hier haben wir noch für euch!“

„Okay – einer geht noch!“ dachte ich mir – das war dann zum Glück aber auch wirklich der Letzte dieser Art, bevor der rote Teppich und die drei Jungs vom MACH 3 ENDURANCE-Team  – sowie Martin bereits erwarteten: „ Aus Deutschland, mit unglaublichen 10 Minuten Vorsprung auf die zweite Dame…und hier ist sie!“ Alles war ein bisschen wie im Traum – und mindestens doppelt so gut;-)

Als ich dann wieder halbwegs zur Besinnung kam ging mir noch einmal das Motto des Tages durch den Kopf: Weniger Asphalt – mehr Höhenmeter! Da konnte ich mir die Frage an das Orga-Team dann doch nicht mehr länger verkneifen: „ Mega-geiler Lauf! Aber jetzt mal ernsthaft: Ihr habt doch ge`soffen, als ihr die Strecke ausgearbeitet habt?“

Vielen herzlichen Dank an alle Unterstützer und Helfer dieses großartigen Events und der nachfolgenden, bis zur letzten Minute lohnenswerten Siegerehrung und an das ganze MACH 3 ENDURANCE-Team für diesen unfassbar genialen und extrem liebevoll organisierten Lauf und – nächstes Jahr sehen wir uns sicher wieder!